Der Thermostat an der Wand blinkt 19 °C.
Die Zahl, die jahrelang als „verantwortungsvolle“ Wahl gelobt worden ist. Du ziehst die Strickjacke enger, die Finger ein bissl taub, während deine Energie‑App stolz ein kleines grünes Blattl anzeigt. Komfort: 3 von 10. Schuldgefühl: solide 9.
Draußen zickzacken die Energiepreise, Klima‑Warnungen ploppen am Handy auf, und „weniger heizen, g’scheiter heizen“ ist das neue Mantra. Drinnen bleibt eine einfache Frage: Wie warm soll’s daheim eigentlich sein, damit i mi wohlfühl, ohne dass i mein Budget - oder den Planeten - abfackel?
Die alte 19‑°C‑Regel, die die Eltern runtergebetet haben, die in Behörden‑Flyern und Öko‑Kampagnen gestanden ist, wird inzwischen leise überarbeitet. Expert:innen schieben den Cursor weiter. Und die neue Zahl könnte dich überraschen.
Der 19‑°C‑Mythos trifft aufs echte Leben
Jahrelang ist 19 °C als magische Zahl verkauft worden. Ideal für die Gesundheit, perfekt fürs Klima, freundlich fürs Geldbörsel. Es hat wissenschaftlich geklungen, beruhigend, fast moralisch. Über 19 zu drehen hat sich manchmal angefühlt wie ein kleiner Verrat.
Dann hat die Realität angeklopft. Homeoffice hat uns den ganzen Tag daheim gehalten, Gaspreise sind explodiert, die Winter sind zwischen komisch mild und brutal kalt hin‑ und hergeschwankt. Die Leut haben ehrlicher über ihren Komfort geredet. „I frier bei 19“, hat eine Kollegin im Video‑Call zugegeben - mit Schal vorm Laptop.
Genau in diese Lücke zwischen Regel und dem, was unsere Körper tatsächlich spüren, sind die Expert:innen reingegangen.
In aktuellen Studien zur Wohnraum‑Behaglichkeit in Europa und Nordamerika haben Forscher:innen tausende Haushalte verglichen. Sie haben nicht nur Thermostate gemessen. Sie haben Kleidung, Luftfeuchtigkeit, Aktivitätsniveau und sogar das Wohlbefinden protokolliert. Ergebnis: Es gibt nicht die eine perfekte Temperatur für alle.
Trotzdem haben sich Muster gezeigt. Die meisten Menschen haben sich sowohl angenehm als auch halbwegs „energie‑bewusst“ gefühlt - in einem engen Bereich. Der Durchschnitt hat sich tagsüber in Wohnräumen immer wieder um 20–21 °C gesammelt, nachts ein bissl darunter.
Auch Ärzt:innen haben sich eingemischt. Hausärzt:innen haben ältere Patient:innen und kleine Kinder gesehen, die in engen, zu wenig beheizten Wohnungen gelebt haben - im Namen des „Energiesparens“. Die Gesundheitskosten, haben sie gewarnt, könnten die finanziellen Einsparungen still und leise übersteigen.
Fachleute für thermische Behaglichkeit reden heute weniger von einer starren Zahl, sondern mehr von einem Gleichgewichtspunkt. Für die Mehrheit gesunder Erwachsener liegt der ungefähr bei 20–21 °C in den Haupträumen am Tag. Das ist bereits ein Schritt rauf von den berühmten 19.
Die aktualisierte Empfehlung schaut ungefähr so aus: 20–21 °C im Wohnzimmer, Homeoffice und überall dort, wo du länger sitzt. 18–19 °C für Gänge und selten genutzte Zimmer. Schlafzimmer nachts 17–19 °C, mit einer gscheiten Decke.
Das passt besser zu dem, wie wir tatsächlich leben: Wir wechseln von Raum zu Raum, arbeiten vom Sofa, Kinder spielen am Boden, Großeltern sitzen lange, ohne sich viel zu bewegen. Die Zahl am Thermostat wird zur Basis. Kleidung, Luftfeuchtigkeit und wie zugig die Wohnung ist, machen den Rest.
Dein neues Ideal finden: von der Regel zur Routine
Der wirksamste Schritt, den viele Energie‑Expert:innen heute empfehlen, ist simpel: Stell 20–21 °C als Tagesziel für Wohnbereiche ein und teste dann deinen persönlichen Komfort rundherum. Nimm das als neuen Referenzpunkt - nicht automatisch 19.
Start mit zwei bis drei Tagen bei 20 °C von der Früh bis zum frühen Abend. Achte drauf, wie du dich fühlst, wenn du ruhig sitzt, arbeitest oder fernsiehst. Wenn du dauernd zur Decke greifst, geh um 0,5 °C rauf. Wenn du im T‑Shirt dasitzt und leicht warm wirst, probier 0,5 °C runter - eine Woche lang.
Dieses „Halbgrad‑Getanze“ klingt am Papier mühsam. In der Praxis machst es zwei Mal und bist fertig. Du landest bei einer Temperatur, die deinen Komfort und deine Rechnung deutlich besser respektiert als das alte Einheits‑19‑Grad‑Abzeichen.
An einem grauen Jänner‑Dienstag hat Marta (42) beschlossen, sie hat genug vom „heroischen Zittern“. Im Homeoffice in ihrer kleinen Stadtwohnung hat sie stolz an 19 °C festgehalten. Um 11 waren die Füße eiskalt, am Nachmittag ist die Produktivität abgsackt, und jeden saisonalen Virus hat’s sie erwischt.
Sie hat im Wohnzimmer, wo sie arbeitet, auf 20,5 °C erhöht, den Gang bei 18 gelassen und das Schlafzimmer auf 17. Mit dickeren Socken und einer Decke am Sofa hat’s plötzlich gepasst. Die nächste Rechnung? Ja, ein bissl höher - aber nicht das Desaster, das sie befürchtet hat.
Ihre Energie‑App hat eine Veränderung von 7–10 % gezeigt, nicht 30. Der Schlaf ist besser geworden, die Konzentration auch. „Keiner hat mir gesagt, was es wirklich kostet, wenn ma den ganzen Tag kalt hat“, sagt sie. Genau dieser stille, versteckte Preis wird in immer mehr Haushalten hinterfragt.
Energieagenturen warnen: Den Thermostat um 3 oder 4 Grad raufzudrehen haut dir die Rechnung fix rein. Das hat sich nicht geändert. Aber von 19 auf 20 oder 21 °C in den Räumen, wo du tatsächlich lebst, ist nicht automatisch Verschwendung - besonders, wenn du ungenutzte Bereiche besser im Griff hast.
Expert:innen weisen außerdem drauf hin, dass sehr kalte Wohnungen zu Feuchtigkeit, Kondenswasser und Schimmel führen können - vor allem in älteren Gebäuden. Das ist schlecht für Lungen, Wände und Geldbörserl. Es gibt einen Sweet Spot, wo das Gebäude auch „besser atmet“. In vielen Klimazonen deckt sich der ziemlich sauber mit dem 20–21‑°C‑Komfortband.
G’scheiter heizen, nicht heiliger: Das ist die leise Verschiebung hinter den Zahlen.
Kleine Schritte, großer Effekt auf Komfort und Kosten
Das neue Ideal ist nicht nur eine Zahl am Thermostat. Es ist eine Strategie. Eine einfache: die richtigen Räume zur richtigen Zeit auf das richtige Niveau heizen. Alles andere bleibt ein bissl kühler.
Teil dir die Wohnung im Kopf in Zonen ein: Wohn-/Arbeitsbereiche, Schlafbereiche, Durchgangszonen (Gang, Vorraum, Abstellraum). Gib jeder Zone eine Zieltemperatur. Dann nutz Programmierung oder smarte Thermostatventile, damit’s deinem echten Tagesablauf folgt: Wohnzimmer aufwärmen bevor du aufstehst, Homeoffice bevor du dich hinsetzt, Schlafzimmer kurz vor dem Schlafengehen.
So wird 20–21 °C zur gezielten Komfortzone - nicht zur Pauschaltemperatur in jedem Eck rund um die Uhr. Du zahlst für Wärme, die du wirklich spürst, nicht fürs leere Gästezimmer.
Wir alle kennen die Listen mit „101 Energiespartipps“, die sich anfühlen, als sollen sie uns ein schlechtes Gewissen machen: Pulli anziehen, um ein Grad runter, jeden Zug abdichten, Heizkörper monatlich entlüften, alles ausstecken, jeden Zyklus perfekt timen. Seien wir ehrlich: Das macht kaum wer wirklich jeden Tag.
Die Realität: Zwei oder drei Gewohnheiten, die du tatsächlich beibehältst, schlagen immer ein Dutzend, das du nach einer Woche wieder lässt. Für viele heißt das: eine leicht höhere Temperatur im Hauptraum, dafür kürzere Heizfenster, dicke Vorhänge in der Nacht und Türen zwischen den Zonen zu.
Dein Ziel ist nicht, einen Moral‑Wettbewerb zu gewinnen, wer am wenigsten heizt. Es geht darum, daheim so zu leben, dass dir die Schultern nicht vor Kälte verkrampfen - und dein Konto nicht jedes Mal Panik kriegt, wenn du den Thermostat angreifst.
„Die Vorstellung, dass alle den ganzen Winter bei 19 °C sitzen sollen, ist überholt“, sagt Dr. Elena Rossi, Bauwissenschaftlerin und Behaglichkeitsforscherin. „Für die meisten Haushalte bringt ein kontrolliertes 20–21 °C in den Haupträumen, kombiniert mit smarter Zonierung und einfacher Dämmung, einen deutlich besseren Kompromiss zwischen Gesundheit, Komfort und Energieverbrauch.“
So kann dieser Kompromiss in der Praxis ausschauen:
- Wohnzimmer / Homeoffice: 20–21 °C nur während der Nutzungszeiten
- Schlafzimmer: 17–19 °C nachts, mit ausreichender Bettwäsche
- Gänge, Abstellraum, WC: 17–18 °C, kein Grund zum Überheizen
- Leerzeiten: um 2–3 °C absenken, nicht mehr, damit’s nicht teuer zum Wiederaufheizen wird
- Wichtige Add‑ons: Zugluft abdichten, dicke Vorhänge, Türen zwischen Zonen schließen
Diese Mischung nimmt dem alten Schuldgefühl den Druck raus und stimmt dich besser darauf ein, was dein Körper wirklich spürt. Die neue Regel ist nicht ein starres 19 °C. Es ist ein Bereich, angepasst an deine Wände, dein Leben und deine Winterlaune.
| Punkt | Detail | Nutzen für dich |
|---|---|---|
| Neuer Komfortbereich | Die meisten Expert:innen empfehlen tagsüber 20–21 °C in den wichtigsten Wohnbereichen | Realistisches Ziel, das besser zu dem passt, wie sich Menschen tatsächlich fühlen |
| Zoniertes Heizen | Unterschiedliche Temperaturen für Wohnräume, Schlafzimmer und Gänge | Weniger Verschwendung, während zentrale Bereiche wirklich angenehm bleiben |
| Halbgrad‑Anpassungen | Feinjustieren in 0,5‑°C‑Schritten je nach Körpergefühl | Persönlichen Sweet Spot finden, ohne die Energierechnung zu schocken |
Das alte Regelbuch ist weg - was kommt jetzt?
Der leise Tod der 19‑°C‑Regel sagt viel über unsere Zeit. Eine Zahl kann unsere Ängste rund um Geld, Klima, Gesundheit und Komfort nimmer tragen. Wir werden gedrängt, beim eigenen Zuhause eher wie Pilot:innen zu denken - nicht wie Passagiere.
Das heißt: ein bissl experimentieren. Schauen, wie dein Körper an einem nassen, windigen Tag reagiert versus an einem sonnigen Winternachmittag. Merken, was sich ändert, wenn du eine Tür schließt, einen Vorhang zuziehst, dünne Socken gegen dickere tauschst. Kleine Anpassungen, ja - aber auch eine neue Art, hinzuschauen.
Tiefer drin ist unser Verhältnis zur Wärme emotional. Kindheitserinnerungen an eine warme Küche. Der Schock von einer kalten Mietwohnung. Die stille Sorge, wenn Rechnungen kommen. Wir kennen alle den Moment, wo man zögert, den Drehknopf „a bissl mehr“ aufzudrehen - aus Angst,’s beim nächsten Ablesen zu bereuen.
19 °C als starre Regel loszulassen ist eine Einladung: mit der Realität zu verhandeln statt mit einem Slogan. Ein Zuhause zu beanspruchen, das sich in der eigenen Haut gut anfühlt - und trotzdem den Beitrag zu einem belasteten Energiesystem und einem wärmer werdenden Planeten ernst zu nehmen.
Die Zahl am Thermostat wird sich weiter ändern, so wie sich die Welt ändert. Was bleibt, ist diese einfache, störrische Frage: Wie warm willst du dich fühlen - hier und jetzt - und was bist du bereit, dafür einzutauschen? Eine Unterhaltung, die sich beim nächsten Familienessen auszahlt - mit Decke oder ohne.
FAQ
Ist 19 °C für gesunde Erwachsene noch sicher?
Für viele gesunde Erwachsene ist 19 °C nicht gefährlich, aber sehr viele fühlen sich bei dem Niveau unangenehm kalt, wenn sie stundenlang ruhig sitzen. Die meisten Expert:innen sehen 19 °C heute eher als untere Grenze - nicht als Ideal für ganztägigen Komfort.Welche Temperatur, wenn i im Homeoffice arbeite?
Peil 20–21 °C in dem Raum an, wo du den Großteil des Tages bist - besonders, wenn du hauptsächlich am Schreibtisch sitzt. Justier jeweils 0,5 °C rauf oder runter und gib dir pro Einstellung etwa eine Woche, um deinen Sweet Spot zu finden.Kostet +1 °C am Thermostat wirklich so viel mehr?
Energieagenturen rechnen oft grob mit rund 7 % mehr Heizenergie pro zusätzlichem Grad - das ist aber ein Durchschnittswert. Wenn du +1 °C mit kürzeren Heizzeiten und guter Zonierung kombinierst, kann der reale Effekt deutlich kleiner sein.Und was ist mit Babys, älteren Menschen oder Leuten mit gesundheitlichen Problemen?
Die sind kälteempfindlicher. Viele Ärzt:innen empfehlen für sie etwas wärmere Räume, etwa 20–22 °C, mit guter Lüftung gegen stickige Luft. Komfort und medizinischer Rat gehen hier vor strikten Energiesparregeln.Kann i trotzdem Energie sparen, wenn i auf 20–21 °C umstelle?
Ja - wenn du’s mit g’scheiten Gewohnheiten kombinierst: nur genutzte Räume heizen, Türen schließen, wo möglich dämmen/abdichten und nachts oder bei Abwesenheit die Temperatur ein bissl senken.
Kommentare
[email protected]
[email protected]
Kommentar hinterlassen