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Eine ungewöhnlich starke Störung des Polarwirbels kommt im Jänner auf uns zu.

Person packt warmen Pullover in Tasche, vor Weltkarte, dampfender Tasse und Smartphone auf Holztisch am Fenster.

Die Prognosekarte am Bildschirm hat fast falsch ausg’schaut.

Wo eigentlich ein enger Ring aus gnadenloser Winterkalt über der Arktis sein hätt sollen, haben sich die Farben verdrillt, eing’knickt und wie Tinte aus einer umg’kippten Flasche Richtung Nordamerika und Europa ergossen. In einem ruhigen Büro voller surrender Computer und halbfertigem Kaffee haben sich ein paar Meteorologinnen und Meteorologen näher über die Karten g’beugt – ein paar Sekunden länger still, als man’s von ihnen gewohnt ist.

Draußen ist der Jänner weitergrennt, als wär nix Besonderes. Kinder sind in die Schule, Pendler haben am Handy g’scrollt, und die meisten haben kurz zum Himmel g’schaut, ohne ihn wirklich zu sehen. Nur: weit über ihnen, in rund 30 Kilometern Höhe, hat sich die Atmosphäre grad auf eine Art danebenbenommen, die nur ein paar Mal pro Jahrzehnt vorkommt.

Da oben über den Wolken ist grad was Großes im Gang.

Ein ungewöhnlich starker Drall im polaren Himmel

Auf Wetterkarten schaut der Polarwirbel normalerweise aus wie ein kalter, disziplinierter Kreis, der brav überm Nordpol parkt. Diesen Jänner wirkt er überhaupt nicht diszipliniert. Der Wirbel wird von starken Wellen, die aus tieferen Atmosphärenschichten aufsteigen, auseinandergezerrt, eing’schnürt und aus der Mitte g’rissen.

Wissenschafter nennen das eine „Störung des Polarwirbels“, und die, die sich grad zusammenbraut, sticht durch ihre Intensität heraus. Die Windgeschwindigkeiten in der Stratosphäre sollen deutlich nachlassen oder sich sogar umdrehen – als würd ein riesiger atmosphärischer Motor plötzlich in den Rückwärtsgang krachen. Unter Meteorologinnen und Meteorologen, die solche Muster Jahr für Jahr beobachten, macht leise dasselbe Wort die Runde: außergewöhnlich.

Auf einer menschlicheren Ebene ist das ein bissl so, als würd wer eine Schneekugel schütteln, die wochenlang still g’standen is. Die Kaltluft, die sonst weit im Norden eing’sperrt bleibt, wird erst ang’stupst und dann Richtung mittlere Breiten g’schoben. Dort leben und arbeiten wir – und dort versuchen wir zu erraten, was ma morgen früh anziehen sollen. Der Wirbel wackelt nicht nur elegant. Er kann sich spalten, zerreißen und regelrechte „Tentakeln“ arktischer Luft nach Süden schicken.

So was haben wir in Varianten schon erlebt. Viele erinnern sich an die „Bestie aus dem Osten“ in Europa Anfang 2018 oder an den brutalen Kälteeinbruch in Texas im Februar 2021. Beides war mit starken Störungen des Polarwirbels verbunden: Eine plötzliche Erwärmung hoch überm Pol hat die übliche Zirkulation durcheinandergebracht. In solchen Fällen ändert sich zuerst die Stratosphäre – und die Wellen schlagen dann erst nach ein bis drei Wochen bei unserem Alltagswetter durch.

Diesmal deuten frühe Modellläufe darauf hin, dass die Störung in den oberen Luftschichten sogar noch kräftiger sein könnt als manche dieser Schlagzeilen-Events. Das heißt nicht automatisch „Copy-Paste“-Auswirkungen am Boden. Es heißt aber: Die Meteorologie ist in Alarmbereitschaft und schaut genau hin, wo die verdrängte Kaltluft am Ende landet. Die Atmosphäre wiederholt sich nicht exakt – sie reimt sich.

Während sich in deinen Social-Feeds Karten tiefblau färben und dramatische Pfeile nach Süden zeigen, ist die echte Geschichte unordentlicher. Nicht überall wird’s meterhoch einschneien. Manche Regionen kriegen stattdessen hartnäckige Hochnebel-/Wolkenfelder, gefrierenden Regen oder einfach einen lästigen Kältereiz, der nicht recht weggeht. Entscheidend ist das Muster, nicht ein einzelner „Snowmageddon“-Tag. Wenn der Wirbel einmal gestört ist, kann der Jetstream ausbeulen, stehenbleiben und sich festsetzen – und dann bleibt bestimmtes Wetter länger picken, als wir’s gewohnt sind.

Wie man aus einer wilden Prognose eine ruhige Vorbereitung macht

Der g’scheiteste Schritt in so einem Winter ist überraschend unspektakulär: still und leise die Basics nachziehen, bevor einen die Kälte am falschen Fuß erwischt. Fang daheim an. Schau zuerst die einfachsten Lecks durch – Türen, die nicht ganz z’gehen, Fenster mit dem hinterfotzigen Zug, das Zimmer, das immer kälter ist als der Rest. Ein Streifen Dichtband oder ein z’sammengerolltes Handtuch vor der Spalte kann mehr Wärme sparen, als man glaubt.

Dann schau, was dich warmhält, wenn die Temperatur schnell abfällt: Kleidung zum Schichten griffbereit bei der Tür. Ein kleiner Vorrat an extra Decken. Batterien, eine Taschenlampe und eine geladene Powerbank – in einer Lade, die du auch im Dunkeln findest. Wahrscheinlich brauchst nicht alles davon. Aber genau das sind die Sachen, die man sich wünscht, wenn der Wind plötzlich so wirkt, als käm er direkt vom Polarkreis.

Ganz persönlich fängt Winter-Vorsorge oft mit einem kleinen Reality-Check an. Vielleicht erinnerst dich an den Morgen, wo das Auto in der Kälte nicht ansprungen is. Oder an die Rohre, die einmal geknarrt haben wie in einem Horrorfilm. Im größeren Maßstab kriegen Städte und Stromnetze ihren eigenen Reality-Check, wenn eine Polarwirbel-Störung auf ohnehin strapazierte Infrastruktur trifft. Der Energiebedarf schießt rauf, weil alle aufdrehen.

Darum schauen manche Netzbetreiber fast so genau auf stratosphärische Prognosen wie die Meteorologen. Den Wind 30 Kilometer oben können’s nicht ändern – aber sie können auf die Folgewirkungen planen: mehr Verbrauch, Eislast auf Leitungen, Personal auf Bereitschaft. Wenn die Kälte nach Süden rutscht, biegen sich menschliche Systeme mit – oder kriegen Risse.

Seien wir ehrlich: Kaum wer liest jede Woche seinen Notfallplan noch einmal durch – auch nicht in Wintern wie diesem. Das Leben ist voll, Rechnungen stapeln sich, und „Winter-Set aktualisieren“ schafft’s selten ganz nach oben auf die Liste. Aber eine Stunde konzentrierte Vorbereitung jetzt kann später mehrere Tage Unbehagen abfedern. Es muss nicht dramatisch sein. Nimm beim nächsten Einkauf ein paar haltbare Mahlzeiten mit. Leg die wärmsten Schichten so hin, dass du sie halb schlafend greifen kannst. Check beim Tanken das Frostschutzmittel im Auto, statt dir vorzunehmen, du machst das „eh irgendwann“.

Die emotionale Ebene ist auch real. An einem kalten, grauen Tag, wo die Nachrichten voll mit Warnungen sind, fühlt’s sich leicht so an, als wär das Wetter nur noch ein weiteres Ding, das außer Kontrolle gerät. Wir kennen den Moment, wo das Wetter in ein paar Stunden kippt – und mit ihm gleich der ganze Plan. Da steckt eine leise Form von Resilienz drin, wenn man sagt: Den Polarwirbel kann ich nicht verschieben, aber mein Eckerl Welt kann ich ein bissl besser herrichten.

„Dem Polarwirbel sind unsere Kalender wurscht“, hat mir ein Klimawissenschafter in Berlin bei einem späten Telefonat g’sagt. „Was in der Stratosphäre im Jänner passiert, kann im Februar noch bestimmen, wie sich’s auf deiner Haut anfühlt. So starke Störungen sind selten genug, dass man sie genau studiert – aber häufig genug, dass wir g’scheit damit leben müssen.“

Für Entscheidungen im Alltag kann dieses „g’scheit damit leben“ erstaunlich simpel sein. Bevor ein Kälteschub kommt, bringen kleine Handgriffe oft viel:

  • Schau bei einer älteren Nachbarin oder einem Verwandten vorbei und frag, was sie brauchen würden, wenn’s richtig kalt wird.
  • Lad Geräte auf und hab eine Low-Tech-Lichtquelle (Kerze oder Batterielaterne) an einem fixen Platz.
  • Halt zumindest für ein paar Tage Essen daheim, das ohne Backrohr oder Mikrowelle auskommt.
  • Stell’s Auto nicht in tief liegende, überschwemmungsanfällige Bereiche, wenn Schnee-Regen-Mix prognostiziert ist.
  • Plan eine „langsamer Tag“-Option daheim ein, falls Schulen oder Züge ausfallen.

Das sind keine heroischen Schritte. Das sind kleine, fast stille Arten zu sagen: Ich seh, was kommt, und ich geh dem nicht mit leeren Händen entgegen.

Was diese Störung in den nächsten Wochen bedeuten könnte

Wenn der Polarwirbel so stark erwischt wird, ist die größte Veränderung nicht nur kältere Luft – sondern ein stärker blockierter, mäandrierender Jetstream. Dieses Band schneller Winde, das Wetterlagen normalerweise weitertransportiert, kann dann wie ein träger Fluss nach Süden und Norden ausschlagen. Für manche Regionen heißt das: wiederholte Ausbrüche arktischer Luft. Für andere: hartnäckige Milde und viel Regen.

Frühe Modellprojektionen für diese Jänner-Störung zeigen eine brauchbare Chance auf häufigere Kältephasen in Teilen Nordamerikas, Europas und Asiens in der zweiten Monatshälfte und bis in den frühen Februar. Nicht überall, nicht gleichzeitig. Denk dran wie an gezinkte Würfel für Extreme. Wo sie landen, hängt davon ab, wie sich der gestörte Wirbel am Ende neu formt – und wie die Troposphäre, also die Luftschicht, die wir atmen, darauf reagiert.

Die Geschichte passt auch in ein größeres, langsam sich veränderndes Bild. Wissenschafter diskutieren noch immer, wie genau ein wärmeres Klima mit dem Verhalten des Polarwirbels zusammenspielt. Manche Studien deuten an, dass weniger arktisches Meereis und ein wärmerer Pol zu häufigeren oder dramatischeren Störungen führen könnten. Andere finden das Signal zu verrauscht, versteckt in natürlichen Schwankungen. Klar ist: Wir beobachten diese Ereignisse heute mit viel besseren Werkzeugen als vor zehn Jahren – von hochaufgelösten Modellen bis zu Satellitennetzen, die die obere Atmosphäre lesen wie eine Patientenakte.

Für dich und mich ist die praktische Frage einfacher: Was für einen Jänner und Februar baut das auf? Vielleicht bleibt’s als der Winter in Erinnerung, in dem deine Stadt plötzlich tief eingeschneit war. Vielleicht verblasst es zu einem vagen „war halt kälter als sonst“. Oder vielleicht ist der nachhaltigste Effekt, wie wir darüber reden: wie wir ein neues Wetterwort lernen, wie wir Screenshots von diesem seltsam wirbelnden Muster überm Pol teilen, und wie wir ein Gefühl dafür kriegen, dass das, was 30 Kilometer oben passiert, gar nicht so weit weg ist von unserem Alltag.

Wetter ist am Ende eine der wenigen wirklich geteilten Geschichten auf diesem Planeten. Eine seltene, außergewöhnlich starke Störung des Polarwirbels im Jänner erinnert dran, dass das Drehbuch noch geschrieben wird, während wir unseren Routinen nachgehen. Du spürst es vielleicht als Stechen auf den Wangen an einem frühen Morgen, als Frösteln in einer Wohnung, die plötzlich zugiger wirkt, oder als stillen Moment am Fenster, wenn Schnee fällt – in einem Muster, das eigentlich nicht so weit nach Süden kommen hätt sollen. Dort werden globale Dynamiken persönlich.

Schlüsselpunk Detail Nutzen für Leserinnen und Leser
Stärke der Störung Ungewöhnlich starkes Nachlassen und mögliche Umkehr der Stratosphärenwinde Signalisiert erhöhte Chancen für spürbare Wetterumschwünge Ende Jänner und im Februar
Mögliche Auswirkungen am Boden Höheres Risiko für Kältephasen, Schneelagen und blockierte Wetterlagen in mittleren Breiten Hilft, Reiseprobleme, Energiekosten und Störungen im Alltag besser einzuplanen
Praktische Vorbereitung Einfache Checks bei Wohnung, Kleidung und im Umfeld vor einer Kältewelle Macht aus abstrakten Klima-News konkrete Schritte für Komfort und Sicherheit

FAQ

  • Was genau ist der Polarwirbel? Der Polarwirbel ist ein großes Gebiet mit tiefem Luftdruck und sehr kalter Luft hoch über der Arktis. Er zirkuliert in der Stratosphäre in einem engen Band starker Westwinde.
  • Heißt eine Störung des Polarwirbels immer extreme Kälte dort, wo ich lebe? Nein. Sie erhöht die Wahrscheinlichkeit von Kaltluftausbrüchen in manchen Regionen der mittleren Breiten, aber Ort und Stärke hängen davon ab, wie der Jetstream in den folgenden Wochen reagiert.
  • Wie lange nach der Störung spürt man Effekte am Boden? Typischerweise nach ein bis drei Wochen, weil sich die Änderungen in der Stratosphäre schrittweise „nach unten“ in die Wetterlagen am Boden durchschlagen.
  • Macht der Klimawandel solche Störungen häufiger? Die Forschung läuft. Manche Studien sehen einen Zusammenhang zwischen arktischer Erwärmung und häufigeren Störungen, andere erkennen bisher keinen klaren Langzeittrend.
  • Was kann ich realistisch zur Vorbereitung tun? Konzentrier dich auf die Basics: Zugluft daheim reduzieren, warme Kleidung und Reserve-Licht/Heiz-Optionen einplanen, einen kleinen Essensvorrat anlegen und vor einer größeren Kältephase bei gefährdeten Personen in deinem Umfeld nachschauen.

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