Der Thermostat zeigt gemütliche 23 °C, die Heizkörper surren leise, und die Fenster sind fest gegen die Kälte geschlossen.
Drinnen fühlt’s sich sicher an, fast wie eingekuschelt. Dann siehst du’s wieder: diesen zarten, dunklen Rand in der Ecke an der Decke, knapp überm Fenster. Letztes Jahr hast du ihn weggewischt. Du hast geschrubbt. Du hast dir geschworen, das war’s. Und trotzdem ist er wieder da – breitet sich still hinter den Vorhängen aus.
Die Heizung läuft. Die Wohnung ist warm. Und trotzdem kommt der Schimmel zurück wie ein unerwünschter Wintergast. Genau da liegen viele falsch: Sie heizen mehr, in der Hoffnung, die Wände würden dadurch trocknen. Manchmal füttert man damit aber genau das Problem. Zwischen Komfort und Verschwendung gibt’s eine versteckte Temperaturgrenze, die man besser nicht dauerhaft überschreitet.
Die „zu warm“-Falle: Wenn Heizen den Schimmel zurück einlädt
Geh an einem kalten Jännerabend in ein ganz normales Wohnzimmer, und du siehst oft dasselbe Bild: Heizkörper voll aufgedreht, Thermostat „nur für heut“ höher gestellt, Fenster fest zu, schwere Vorhänge zugezogen. Die Luft wirkt schwer, fast ein bissl schläfrig. Beim Ausatmen riecht der Raum eher nach Wäsche und Kochen als nach frischer Luft.
Das ist der perfekte Cocktail für Schimmel: warme, stehende, feuchte Luft, die sich an kalte Ecken und Wände drückt. Der Kontrast zwischen heißer Innenluft und kalten Außentemperaturen sorgt dafür, dass sich auf versteckten Flächen Kondenswasser bildet. Hinter Möbeln. An Fensterrahmen. In Kästen. Dort baut Schimmel still sein Reich auf, während du’s dir mit Decke und Netflix gemütlich machst.
Eine britische Wohnstudie hat gezeigt, dass Wohnungen, die über längere Zeit über 22–23 °C beheizt werden, ohne ordentlich zu lüften, deutlich mehr Schimmelprobleme haben. Nicht weil die Wärme Schimmel „erzeugt“, sondern weil starke Wärme die Luftfeuchtigkeit im Innenraum erhöht und sie drinnen festhält. Im Grunde machst du dein Wohnzimmer zu einer billigen Dampfkabine – besonders, wenn du drinnen Wäsche trocknest oder beim Kochen den Dampf nicht abführst.
Stell dir eine kleine Wohnung vor, wo jemand im Homeoffice arbeitet: Heizkörper immer hoch, Fenster selten offen „weil man ja die Wärme nicht rauslassen will“. Wäscheständer im Gang, in der Früh eine heiße Dusche, am Abend Suppe am Herd. Auf dem Papier klingt das nach gemütlicher Winterroutine. In der Realität klettert die Luftfeuchtigkeit still auf 70–80 %, und die kältesten Flächen beginnen zu „schwitzen“.
Schimmel braucht keinen Sumpf. Er braucht eine leicht feuchte Oberfläche und Zeit. Der dunkle Fleck hinterm Kasten oder überm Fenster ist meist die kälteste Stelle im Raum. Wenn warme, feuchte Luft dort hinkommt, wird das unsichtbare Wasser aus der Luft zu winzigen Tröpfchen. Du siehst sie vielleicht nie richtig, aber die Wand „trinkt“ sie. Wochen später werden die Sporen munter.
Zu starkes Heizen macht den Unterschied zwischen Lufttemperatur und Wandtemperatur größer. Warme Luft kann mehr Feuchtigkeit halten – und wenn diese Luft auf eine kühlere Oberfläche trifft, lässt sie das Wasser genau dort wieder fallen. Darum ist Überheizen riskant: In der Raummitte fühlst du dich wohl, während die Ecken buchstäblich „weinen“. Das ist die versteckte Physik hinter dieser komischen Regel: Es gibt tatsächlich eine Temperatur, die man nicht dauerhaft überschreiten sollte.
Die Temperaturgrenze, die du diesen Winter besser nicht überschreitest
Der gute Bereich liegt im Winter in den meisten Haushalten bei 18 °C bis 21 °C in Wohnräumen. Sobald du regelmäßig über 21–22 °C gehst – besonders auch nachts – kippt das Gleichgewicht zwischen Komfort und Luftfeuchte oft in die falsche Richtung. Die Temperatur, die du langfristig besser nicht überschreitest, wenn du Schimmel vermeiden willst, liegt bei ungefähr 22 °C innen.
Kurze Phasen mit 23–24 °C, wenn’s dich wirklich friert, sind nicht das Problem. Das Problem ist, wenn die Wohnung den ganzen Tag, jeden Tag so läuft. Schlafzimmer können sogar kühler bleiben, etwa 17–19 °C – das ist fürs Schlafen gesünder und für Schimmel weniger attraktiv. Viele Fachleute sind sich bei einer einfachen Faustregel einig: warm genug, dass du dich im Pulli wohlfühlst – kühl genug, dass die Wohnung nicht „müde“ wirkt.
In einem Sozialwohnblock im Norden Englands wurde über einen Winter ein kleines Experiment gemacht. Zehn Bewohner:innen wurden ermutigt, ihr Wohnzimmer auf 19–21 °C zu halten und zweimal täglich zehn Minuten zu lüften. Zehn andere Haushalte machten weiter wie bisher: Heizkörper volle Pulle, Fenster selten offen, Temperaturen oft bei 23–24 °C und drüber.
Im Frühling meldete die erste Gruppe weniger neue Schimmelflecken und weniger Kondenswasser an den Fenstern. Einige sahen sogar, dass alte Stellen nicht mehr weiterwuchsen – ohne Spezialmittel, nur mit regelmäßigem Putzen. In der „immer heiß“-Gruppe gab’s Beschwerden über wiederkehrende schwarze Flecken rund um die Fenster und muffigen Geruch in Kästen. Ironischerweise zahlten sie auch mehr fürs Heizen und fühlten sich nicht wirklich wohler.
Eine Bewohnerin aus der Testgruppe gab zu, sie habe immer gedacht: „Je wärmer, desto sicherer“ – besonders gegen Feuchtigkeit. Sie war überzeugt, starkes Heizen würde „alles austrocknen“. Ihr Hygrometer – dieses kleine Gerät zur Messung der Luftfeuchte – zeigte aber was anderes: Bei 21 °C und kurzem täglichem Stoßlüften lag die Luftfeuchte bei 50–55 %. Drehte sie auf 24 °C hoch und ließ die Fenster zu, schoss sie nach Kochen und Duschen über 70 %. Gleiche Wohnung, gleiche Wände – andere Gewohnheiten.
Warum diese Temperaturgrenze so wichtig ist, liegt an Physik und Alltag. Warme Luft hält mehr Feuchtigkeit. Jede Dusche, jeder kochende Topf, jeder Wäscheständer lädt die Luft mit Wasser auf. Ab einer gewissen Wärme ist die Luft wie ein Schwamm, den du ständig weiter vollsaugst. Sobald dieser Schwamm eine kältere Oberfläche trifft – Außenwand, Fensterecke, verstecktes Rohr – gibt er Wasser ab. Wenn du im Schnitt unter 22 °C bleibst und gleichzeitig sehr kalte „tote Zonen“ in der Wohnung vermeidest, reduzierst du genau diese Kondensationsspitzen, die Schimmel liebt.
Einfache Heiz-Gewohnheiten, die Schimmel aushungern (ohne dass du frierst)
Starte diesen Winter mit einer klaren Regel: Halte die wichtigsten Räume die meiste Zeit zwischen 18 °C und 21 °C. Nimm dafür ein günstiges Thermometer oder dein Smart-Thermostat – nicht nur dein Gefühl. Unser Körper täuscht; das Thermostat nicht. Statt großer Auf-und-ab-Schwankungen ist gleichmäßige, moderate Wärme über den Tag besser.
Wenn du tagsüber außer Haus bist, schalt die Heizung nicht komplett ab. Lass sie ein paar Grad abfallen und dann rechtzeitig wieder ansteigen, bevor du zurückkommst. Große Temperatursprünge fördern Kondenswasser an Wänden. In Räumen, die zu Schimmel neigen – etwa nordseitige Schlafzimmer oder Bäder – versuch, dass sie nicht unter ungefähr 16 °C fallen. Ist es zu kalt, „klebt“ jede Feuchtigkeit in der Nacht besonders gern an diesen Flächen.
Was fast alle falsch machen, ist die Lüftdauer. Kurzes, kräftiges Stoßlüften ist viel wirksamer als den ganzen Tag ein Fenster gekippt zu lassen. Mach zweimal täglich 5–10 Minuten die Fenster ganz auf – idealerweise bei ausgeschalteter Heizung. Die warme, feuchte Luft rauscht raus; kältere, aber trockenere Luft kommt rein. Wenn du diese Luft wieder aufheizt, sinkt die relative Luftfeuchte – und Schimmel hat weniger „zu trinken“.
Seien wir ehrlich: Das macht kaum wer wirklich jeden Tag. Arbeit, Kinder, Müdigkeit … man vergisst es leicht. Darum hilft’s, es an Routinen zu koppeln: Nach der Morgendusche alles kurz auf. Einmal beim Abendessen-Kochen wiederholen. Deckel auf die Töpfe, Dunstabzug einschalten, und wenn du Wäsche drinnen trocknest, dann am besten in einem Raum, Tür zu, und danach kurz lüften.
Nie Heizkörper mit Sofa, Bett oder riesigen Vorhängen zustellen. Der kalte Schatten hinter Möbeln ist ein Schimmelparadies. Lass ein paar Zentimeter Abstand, damit die warme Luft die Wand „abwaschen“ kann. Im Schlafzimmer das Bett nicht direkt an die Außenwand pressen; schon ein kleiner Spalt hilft der Wand, „zu atmen“. Im Bad nach dem Duschen Fliesen und Glas abziehen. Klingt kleinlich, aber so entfernst du pro Woche wortwörtlich Liter an Wasser aus der Raumluft.
„Denk weniger ans Schimmel-Töten und mehr ans Aushungern“, erklärt ein Bausachverständiger, mit dem ich gesprochen habe. „Nimm ihm die Feuchtigkeit, nimm ihm stehende Luft – und viele angeblich ‚unmögliche‘ Schimmelprobleme schrumpfen plötzlich.“
Damit’s greifbar wird, behalt diese Checkliste im Kopf:
- In Wohnräumen 18–21 °C anpeilen, längere Phasen über 22 °C vermeiden.
- 5–10 Minuten kräftig stoßlüften, zweimal täglich, Fenster ganz auf.
- Möbel ein Stück von kalten Außenwänden und Heizkörpern abrücken.
- Beim Kochen und Duschen Abluft nutzen oder Fenster öffnen.
- Wäsche nur in einem Raum trocknen, danach gezielt lüften.
An schlechten Tagen schaffst du nicht alles. So ist das Leben. Es geht nicht um Perfektion. Es geht darum, die Grundstimmung in der Wohnung von „warm, feucht und schläfrig“ zu „warm, trocken und durchlüftet“ zu verändern. Und psychologisch fühlt sich dieser Shift oft so an, als würde das Haus selber ein bissl entspannen.
Mit der richtigen Temperatur leben – statt dagegen anzukämpfen
Es ist eine stille Erleichterung zu verstehen, dass Schimmelvorbeugung weniger mit Wundersprays zu tun hat als mit einer Zahl am Thermostat. Sobald du weißt, dass wochenlang über 22 °C dein Risiko erhöhen kann, dreht sich die Geschichte. Heizen ist dann weniger ein Kampf gegen die Kälte und mehr eine tägliche Verhandlung zwischen Luftfeuchte und Komfort.
Diesen Winter stehen viele Haushalte vor derselben Entscheidung: ein bissl überheizen, damit’s sofort angenehmer ist – oder ein minimal kühleres, aber gesünderes Zuhause akzeptieren. Der richtige Bereich – diese 18–21 °C – ist nicht nur eine Frage der Heizkosten oder Klimaparolen. Er entscheidet über den Geruch im Kasten, über die Atemwege der Kinder und über das Schicksal von dem schwarzen Fleck hinterm Vorhang, den du nicht mehr sehen willst.
Stell dir einen grauen Sonntag vor: Du drehst den Thermostat leise eine Stufe runter und reißt kurz die Fenster weit auf. Die frische Luft beißt, dann ist sie wieder weg. Du heizt wieder – aber stoppst, bevor es zu hoch klettert. Nichts Dramatisches passiert. Aber über Wochen summieren sich die kleinen Entscheidungen: weniger Kondenswasser am Glas, weniger muffige Ecken, ein Zuhause, das lebendig wirkt – nicht nur heiß.
Vielleicht ist das die eigentliche Veränderung: weg von „Wie kann ich die Kälte wegballern?“ hin zu „Wie kann ich meiner Wohnung helfen zu atmen?“. Das ist ein Gespräch wert – mit Partner:in, Kindern, sogar Nachbar:innen. Wir haben alle mindestens einmal denselben Schimmelfleck geschrubbt. Wenn man die Sache mit der 22‑°C‑Linie weitergibt, erspart das vielleicht jemandem die gleiche stille Frustration nächsten Winter.
| Kernpunkt | Detail | Nutzen für dich |
|---|---|---|
| Temperatur, die man besser nicht überschreitet | Möglichst nicht dauerhaft über ca. 22 °C bleiben | Reduziert Kondenswasser und das Risiko, dass Schimmel zurückkommt |
| Idealer Bereich | 18–21 °C in Wohnräumen, 17–19 °C in Schlafzimmern | Angenehm warm, bessere Luftqualität, Heizkosten im Griff |
| Tägliches Ritual | 5–10 Minuten stoßlüften, zweimal am Tag, Fenster ganz auf | Senkt die Luftfeuchte ohne die Wohnung auszukühlen, fühlt sich frischer an |
FAQ
- Welche Innentemperatur verhindert wirklich, dass Schimmel zurückkommt?
Es gibt keine magische „schimmelfreie“ Temperatur. Aber wenn du die meisten Räume bei 18–21 °C hältst und längere Phasen über 22 °C vermeidest, wird es Schimmel deutlich schwerer gemacht – besonders in Kombination mit gutem Lüften.- Stimmt es, dass höheres Heizen feuchte Wände austrocknet?
Nicht wirklich. Mehr Wärme lässt die Luft mehr Feuchtigkeit aufnehmen, die dann auf kalten Flächen kondensiert. Ohne Lüften verschiebst du Feuchtigkeit oft nur, statt sie rauszubekommen.- Kann ich statt Temperatur senken einfach einen Luftentfeuchter verwenden?
Luftentfeuchter helfen stark, besonders in sehr feuchten Wohnungen. Am besten funktionieren sie aber zusammen mit moderatem Heizen und regelmäßigem Lüften. Hohe Temperaturen plus Entfeuchter allein reichen selten.- Welcher Raum braucht im Winter am meisten Aufmerksamkeit?
Bäder, nordseitige Schlafzimmer und Räume, in denen Wäsche getrocknet wird, sind die typischen Hotspots. Schau besonders auf Ecken, Fensterlaibungen und hinter großen Möbeln an Außenwänden.- Woran merke ich, dass die Luftfeuchte zu hoch ist?
Ein kleines Hygrometer ist günstig und aufschlussreich: Ziel sind etwa 40–60 % relative Luftfeuchte. Dauerhaft über 65–70 %, beschlagene Fenster am Morgen und muffiger Geruch sind klare Warnzeichen.
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