Der Thermostat an der Gangwand leuchtet 19 °C in blassblauen Ziffern.
Draußen ist die Straße gefroren, und der Himmel hat dieses dumpfe Wintergrau, das den Nachmittag schon um 16 Uhr verschluckt. Drinnen werden Socken doppelt angezogen, Schultern hochgezogen, und der Tee wird viel zu schnell kalt. Das sei die „richtige“ Temperatur, hat man dir jahrelang gesagt. Effizient. Vernünftig. Fast schon tugendhaft.
Aber deine Nase ist eisig. Dein Teenager raunzt unter einer Decke hervor. Dein Partner stupst den Thermostat mit schuldigen Fingern an und geht dann weg, als könnte das Ding schreien. In deiner Energie-App klettert die Kurve wie ein aus dem Takt geratener Herzschlag, und du steckst zwischen zwei Ängsten: der Gasrechnung und der Kälte in den Knochen.
Währenddessen haben Fachleute leise ihre Meinung geändert. Die alte 19-Grad-Regel bekommt Risse. Und die neue Zahl, die sie vorschlagen, könnte dich überraschen.
Die 19-°C-Regel ist veraltet
Über Jahrzehnte wurde in Europa und im Vereinigten Königreich 19 °C wie ein Mantra wiederholt. Die „rationale“ Temperatur. Die, die angeblich Gesundheit, Komfort und Verbrauch ausbalanciert. Sie stammt aus Richtlinien, die in einer Welt mit billigerer Energie, weniger Homeoffice und kürzerer Zeit in Innenräumen geschrieben wurden.
Heute passt diese Zahl nicht mehr dazu, wie wir tatsächlich leben. Remote-Arbeit hat Wohnungen zu Büros gemacht. Kinder waren mehr drinnen. Ältere Eltern sind wieder ins freie Zimmer gezogen. Körper sitzen stundenlang vor Bildschirmen, verbrennen weniger Wärme und spüren Kälte deutlich stärker.
Was im Wohnzimmer der 1980er funktioniert hat, funktioniert nicht zwingend in einer Zwei-Zimmer-Wohnung 2026, in der eine ganze Familie lebt, lernt und arbeitet.
Schau auf das, was in echten Wohnungen passiert, nicht auf Papier. Eine Studie einer französischen Energieagentur zeigte: Obwohl 19 °C oft in Empfehlungen steht, liegt die durchschnittliche reale Wohnzimmer-Temperatur an Winterabenden eher bei 21–22 °C. In manchen nordeuropäischen Städten steigt sie am Wochenende auf 23 °C.
Die Leute drehen heimlich höher – und haben dann ein schlechtes Gewissen. Sie posten Fotos von Rechnungen, sudern in Gruppen-Chats, ziehen dann noch einen Pulli an und tun so, als wären 19 °C eh okay. Das ist kein Randphänomen. Das ist die Norm. Die „offizielle“ Regel und echter menschlicher Komfort sind auseinanderdriftet.
In einer Londoner Sackgasse hat ein einfacher Versuch einer Wohnbauorganisation letzten Jänner alles auf den Punkt gebracht. Drei identische Reihenhäuser, drei Heiz-Szenarien über eine Woche: strikte 19 °C, flexible 20,5 °C und „Komfort zuerst“ 21 °C mit smarten Steuerungen. Die Überraschung: Das 21-°C-Haus hatte nicht die höchste Rechnung. Das starre 19-°C-Haus schon.
Warum? Die Bewohner im 19-°C-Haus haben die Einstellungen ständig überschrieben. Sie haben in kurzen, heftigen Schüben „aufgedreht“, weil ihnen kalt war, und dann wieder absinken lassen. Der Kessel hat dauernd getaktet. Im 21-°C-Haus lief die Heizung gleichmäßiger, die Wände blieben warm, und das System arbeitete effizienter. Ergebnis: weniger verschwendete Energie bei mehr Komfort.
Der neue Konsens, der sich bei vielen europäischen Bau- und Gesundheitsexpert:innen abzeichnet, ist klar: Die „richtige“ Raumtemperatur liegt in einer etwas höheren, aber engeren Zone. Für die meisten gesunden Erwachsenen liegt der Sweet Spot bei 20,5 °C bis 21,5 °C in Wohnbereichen, in denen man lange sitzt.
Es geht nicht darum, auf tropische Werte aufzudrehen. Es geht darum, Temperatur an modernes Leben anzupassen. Mit mehr Homeoffice, fragiler Gesundheit und längerer Zeit in Innenräumen wirkt ein einheitliches 19 °C stumpf und veraltet. Fachleute sprechen heute eher von „praktischen Komfortbereichen“ statt von einer einzigen heiligen Zahl.
Außerdem geht es um gefühlte Temperatur, nicht nur um die Ziffer am Thermostat. Zugluft durch alte Fenster, kalte Böden und feuchte Wände machen 19 °C wie 17 °C. Ein gut gedämmter Raum mit 20,5 °C kann sich wärmer anfühlen als ein undichter mit 22 °C. Darum ist der neue Rat weniger dogmatisch: Starte im Wohnbereich bei 20,5–21 °C und feile dann nach Körper, Kleidung und den Eigenheiten deiner Wohnung nach.
Die Temperatur, die Expert:innen sich jetzt zu empfehlen trauen
Fragt man Heizungsbauer:innen und Energieberater:innen „off the record“, was sie zu Hause einstellen, ballen sich die Antworten schnell. Die meisten nennen 21 °C im Wohnzimmer an Winterabenden, mit 19–20 °C in Schlafzimmern und wenig genutzten Räumen. Manche geben sogar 21,5 °C zu, wenn sie viele Stunden am Schreibtisch sitzen.
Die Logik ist pragmatisch. Bei 21 °C kann man auf der Couch meist ohne drei Schichten entspannen. Kinder können am Boden spielen, ohne gefrorene Zehen zu bekommen. Ältere Angehörige können ruhig sitzen und lesen, ohne zu bibbern. Gleichzeitig ist man weit weg von den verschwenderischen 23–24 °C mancher überheizter Wohnungen.
Der Schlüssel ist Stabilität statt ständiges Herumdrehen. Eine kleinere, aber gleichmäßige Differenz zwischen drinnen und draußen hilft dem System, sauber zu laufen, und vermeidet Energiespitzen.
Es gibt auch einen Gesundheitsaspekt. Unter ungefähr 18 °C steigt für vulnerable Personen das Risiko für Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Probleme: Babys, ältere Menschen, chronisch Kranke. Da wirkt ein pauschales „19 °C für alle“ in Haushalten mit jemandem, der schwach ist oder lange still sitzt, riskant.
Organisationen im Public-Health-Bereich empfehlen inzwischen oft, den Haupt-Wohnbereich bei rund 20–21 °C zu halten und keinen regelmäßig genutzten Raum unter 18 °C fallen zu lassen. Das ist kein Luxus, das ist Grundwohlbefinden. Eine Hausärztin in Manchester meinte, sie könne die Winter-Spitzen im Wartezimmer an Kälteeinbrüchen und schlecht beheizten Mietwohnungen in ihrer Gegend praktisch ablesen.
Echter Komfort hängt auch mit mentaler Belastung zusammen. Ständig den Thermostat zu bewachen, Kindern zu sagen, sie sollen nicht dran angreifen, über „noch ein Grad“ zu streiten – das frisst Familienfrieden. Eine klare Regel wie „21 °C im Wohnzimmer, 19 °C in den Schlafzimmern, gscheite Pyjamas in der Nacht“ macht das Leben für alle einfacher.
Energieexpert:innen betonen eine Nuance: 21 °C heißt nicht 21 °C überall, die ganze Zeit. Smarter Komfort heißt gezielt heizen. Der Raum, in dem du den ganzen Tag arbeitest? 20,5–21 °C. Gang und Gästezimmer? Können kühler bleiben. Bad? Kurz vor dem Duschen auf 22 °C boosten, dann wieder runter.
Unterm Strich kann dein Gesamtverbrauch sinken, selbst wenn der Hauptraum wärmer ist als die alte 19-°C-Regel. Du bekommst echten Komfort dort, wo du tatsächlich lebst. Und du hörst auf, „tote“ Räume zu heizen, die niemand nutzt.
Eine sehr wirksame Methode: eine leicht höhere Grundtemperatur im Hauptwohnraum und dann kleine, zeitgesteuerte Absenkungen in der Nacht oder wenn niemand daheim ist – statt großer Achterbahn-Schwankungen. Viele moderne Kessel und Wärmepumpen laufen so am besten. Sie mögen Konstanz, nicht Drama.
So triffst du den Sweet Spot, ohne dass die Rechnung explodiert
Der klügste Schritt ist überraschend simpel: Wähle eine realistische Komforttemperatur und organisiere deine Heizung darum – nicht um schlechtes Gewissen. Starte, indem du den Hauptwohnraum für drei Tage auf 20,5 °C stellst. Achte darauf, wie sich dein Körper am Abend fühlt, wenn du dich nicht viel bewegst.
Wenn dir auf der Couch mit normaler Kleidung und Socken noch kalt ist, geh auf 21 °C und halte das wieder ein paar Tage. Jag nicht der Sofortwärme mit großen Sprüngen nach. Lass Wände, Möbel und Böden „durchwärmen“. Wenn das passiert, wirken sie wie ein Wärmespeicher und halten den Raum stabil.
Dann teile die Wohnung in Zonen: Schlafzimmer und Gang auf 18–19 °C, Arbeitszimmer oder Kinderzimmer während der Nutzungszeiten auf 20–21 °C, Bad nur in kurzen Schüben.
Hier machen viele den Fehler: Sie behandeln den Thermostat wie einen Lautstärkeregler. Kalt? Auf 24 °C drehen für eine Stunde und hoffen, es geht schneller. Tut’s nicht. Das System arbeitet nicht so. Es heizt einfach weiter, bis der neue Sollwert erreicht ist – oft über den Komfort hinaus, und es kostet unterwegs Geld.
Andere schalten obsessiv ein und aus, weil sie glauben, das sei „tugendhaft“. Das Haus kühlt komplett aus, Feuchtigkeit zieht in die Wände, und Kessel oder Wärmepumpe müssen jedes Mal brutal dagegen ankämpfen, um alles wieder aufzuwärmen. So entstehen diese wilden Energiekurven und dieses permanente Kältegefühl.
Seien wir ehrlich: Niemand macht das wirklich jeden Tag – diese perfekten Lehrbuch-Routinen mit immer geschlossenen Türen und Thermostatventilen, die Raum für Raum wie ein Uhrwerk eingestellt sind. Das Leben ist chaotisch. Kinder vergessen Fenster zuzumachen, Besuch lässt Türen offen, jemand trocknet Wäsche auf den Heizkörpern.
Das Ziel ist also nicht Perfektion. Sondern ein brauchbares, verzeihendes Setup, das dir ungefähr 21 °C im Hauptraum gibt, ohne heldenhafte Disziplin zu verlangen.
„Die energieeffizienteste Temperatur“, sagt die britische Bauphysikerin Dr. Hannah Daly, „ist die niedrigste, bei der du dich wirklich wohlfühlst und dein normales Leben führen kannst, ohne zu bibbern oder Elektroheizer aufzudrehen. Für viele Menschen heute – mit unserem Indoor-Lebensstil – liegt das bei etwa 20,5 bis 21 °C in Wohnräumen.“
Damit das im Alltag funktioniert, denk in kleinen, praktischen Schritten statt in großen Sanierungen. Konzentrier dich auf das, was du diese Woche ändern kannst. An einem kalten Jännerabend zählen Mikro-Anpassungen oft mehr als die Zahl in irgendeinem Policy-Dokument.
- Heizkörper zu Winterbeginn entlüften, damit sie gleichmäßig warm werden – besonders im Hauptraum.
- Nachts dicke Vorhänge verwenden, um Zugluft zu reduzieren, damit sich 21 °C gemütlich anfühlen und nicht „undicht“.
- Türen zu ungenutzten Räumen schließen, damit du Wärme nicht in wenig genutzte Flächen „verdünnst“.
Eine neue Faustregel – zum Weitergeben und Anpassen
Das alte 19-°C-Evangelium verblasst und wird langsam durch eine ehrlichere Faustregel ersetzt: Ziel sind rund 20,5–21 °C in den Räumen, in denen du dein Leben wirklich verbringst, und der Rest darf etwas kühler bleiben. Das klingt fast banal. Und doch widerspricht es Jahren an Botschaften, die Komfort mit Verschwendung gleichgesetzt und Selbstverzicht gelobt haben.
Auf menschlicher Ebene verändert das die Stimmung daheim. Diskussionen „Zieh halt einen Pulli an“ versus „Mir ist urkalt“ werden bodenständiger. Du kannst ruhig sagen: „Lassen wir’s im Wohnzimmer bei 21 °C und sparen gescheit an anderer Stelle.“ Das ist eine ganz andere Energie, als endlos ein striktes 19 °C zu polizieren, das niemandem taugt.
Jede:r kennt den Moment, wenn man im Winter irgendwo zu Besuch ist und sofort den Unterschied spürt. Entweder sinken die Schultern vor Erleichterung, weil’s warm ist, aber nicht stickig – oder man lässt unauffällig den Mantel an und tut so, als wär alles okay. Diese Besuche sind kleine Demonstrationen dafür, wie Menschen „die richtige Temperatur“ in ihren eigenen vier Wänden interpretieren.
Die neue Expertenlinie liefert keine magische Zahl in Stein gemeißelt. Sie lädt dich ein, ein schmales, vernünftiges Band zu testen und zu schauen, wie Körper, Rechnung und Gebäude reagieren. Manche landen bei 20,5 °C, andere bei 21,5 °C. Eine gut gedämmte Wohnung in einer milden Region spielt nicht nach exakt denselben Regeln wie ein zugiges altes Haus an einer windigen Küste.
Wichtig ist der Einstellungswechsel: weg vom Gehorsam gegenüber abstrakten 19 °C, hin zu informierten Experimenten rund um echten Komfort und stabile, effiziente Wärme. Genau so entstehen dann Geschichten zwischen Nachbarn, in sozialen Netzwerken, in Familien-Chats: „Wir haben unseren Sweet Spot bei 21 °C im Wohnzimmer gefunden und durch Zonenheizen die Rechnung gesenkt.“
Diesen Winter muss die leuchtende Zahl am Thermostat keine Quelle für Schuldgefühle sein. Sie kann zu einem stillen, ausgehandelten Waffenstillstand werden – zwischen Körper, Geldbörsel und Klima. Und diese neue, leicht höhere Ziffer ist vielleicht das eine, worauf sich daheim endlich alle einigen können.
| Kernaussage | Detail | Nutzen für Leser:innen |
|---|---|---|
| Empfohlener Komfortbereich | Etwa 20,5–21,5 °C in den Haupt-Wohnbereichen | Hilft, ein realistisches Ziel zwischen Wärme und Kosten zu setzen |
| Zonenheizen Raum für Raum | Schlafzimmer und wenig genutzte Räume kühler halten (18–19 °C) | Senkt den Energieverbrauch ohne Verlust beim Kernkomfort |
| Stabil statt extrem | Große Schwankungen und ständiges Ein/Aus vermeiden | Verbessert die Effizienz von Kessel/Wärmepumpe und macht Kosten planbarer |
FAQ
- Gilt 19 °C jetzt als zu kalt für eine Wohnung? Nicht immer, aber für viele Menschen – besonders wenn sie lange still sitzen oder gesundheitliche Themen haben – fühlen sich 19 °C im Hauptraum unangenehm kalt an und führen eher zu „Panik-Heizen“ und höheren Rechnungen als stabile 20,5–21 °C.
- Welche Innentemperatur empfehlen Expert:innen heute tatsächlich? Viele Bau- und Gesundheitsexpert:innen tendieren zu ungefähr 20–21 °C in regelmäßig genutzten Wohnbereichen, mit einem praktischen Sweet Spot um 20,5–21 °C für die meisten gesunden Erwachsenen.
- Steigt meine Rechnung automatisch, wenn ich den Thermostat höher stelle? Eine leicht höhere, aber stabile Temperatur in wichtigen Räumen kann weniger kosten als dauernde kurze Boosts von einer zu niedrigen Basis. Zonenheizen und das Vermeiden großer Schwankungen ist oft wichtiger als die niedrigstmögliche Zahl.
- Und die Schlafzimmer – sollen die auch 21 °C haben? Meist empfehlen Expert:innen kühlere Schlafzimmer, etwa 18–19 °C, solange Bettzeug und Pyjama passen. Viele schlafen besser, wenn’s leicht kühl ist – solange der Rest der Wohnung nicht auskühlt.
- Wie finde ich meine eigene „Sweet-Spot“-Temperatur? Teste 20,5 °C im Hauptraum ein paar Tage und justiere dann in 0,5-Grad-Schritten, bis du dich in normaler Kleidung wohlfühlst – ohne Deckenstapel oder zusätzliche Elektroheizer.
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